Von Cornelia Seng

Einmal … lebte ein Mann in sattem Wohlstand. Er hatte alles, was er zum Leben brauchte. Wirklich alles und noch mehr. Natürlich hatte er immer ein Dach über dem Kopf, er hatte immer genug zu essen und mindestens ein Auto. Dank eines gutes Gesundheitssystems in seinem Land konnte er jederzeit zum Arzt gehen. Er machte gerne Reisen, ins Ferienhaus an der Nordsee, manchmal auch Fernreisen in alle Welt. Seine Kinder gingen selbstverständlich zur Schule, je nach Intelligenz konnten sie auch die besten Universitäten der Welt besuchen. 

Nun kam es, dass ein recht armer Mann nebenan lebte. Der war oft hungrig und in schlechtem Gesundheitszustand. In erschreckenden sanitären Verhältnissen lebte er. Seine Kinder konnten nicht zur Schule gehen und sie weinten viel. Der reiche Mann wusste wohl um den Mann vor seiner Haustüre, er tat aber nichts. Im Gegenteil: Was ging ihn das an? Vermutlich war der Arme sowieso nur ein „Sozialschmarotzer“, ein „Illegaler“. 

Hartherzig war er, der Mann im satten Wohlstand, unbarmherzig, ohne Empathie, das alles kann man über ihn sagen. Ohne jede Spur von menschlichem Mitgefühl.

Wir wissen, wie die Geschichte ausging: Am Ende bereut der reiche Mann sein unbarmherziges Verhalten bitter. Sterbende haben manchmal Botschaften an die Nachwelt wie in dem Buch „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“. Macht es anders als ich! Setzt euer Leben nicht in den Teich! Am Ende kommt der Unbarmherzige nicht ungestraft davon! Leben ist mehr als Reichtum!

So ähnlich erzählt Jesus die Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk.16,19-31). Die Bibel kennt eine letzte Gerechtigkeit. Der werden wir uns stellen müssen, ich auch. Das glaube ich. Und ich sehne mich nach einem barmherzigen, liebevollen Lebensstil in Europa, nach einer „Willkommenskultur“.

Doch was zur Zeit von der griechischen Grenze berichtet wird, ist mehr als unbarmherzig und unmenschlich. Es ist Unrecht. 

Die Ordnungen der Staaten in Europa haben die Menschenrechte umzusetzen, dazu haben sie sich verpflichtet. Humanität ist nicht „nachrangig nach der Ordnung zu behandeln“, wie der Bundesinnenminister gesagt hat. Die „Ordnung“ muss von Humanität geleitet sein. Ich fürchte, dieser Rechtsbruch wird uns noch teuer zu stehen kommen. Im Namen welcher „Ordnung“, Staatsräson oder völkischen Ideologie werden demnächst Menschenrechte gebrochen werden? Zu welchen Rechtsbrüchen werden sich verwirrte Menschen animiert fühlen?

Vor mehr als siebzig Jahren wurde „Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ verabschiedet. Europa ist stolz darauf, wesentlich dabei mitgewirkt zu haben. Die Menschenrechte teilweise einfach „auszusetzen“, ist Unrecht. In Artikel 14 heißt es: „Jeder Mensch hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen.“ Von „illegalem Grenzübertritt“ zu sprechen, ist Unrecht. Asylsuchende jahrelang in Lagern verkommen zu lassen zur Abschreckung weiterer Flüchtlinge, ist Unrecht. Unbewaffnete Schutzsuchende gewaltsam abzuwehren, ist Unrecht, es ist ein Rechtsbruch.

Martin Luther King, der schwarze Bürgerrechtler aus den USA, kämpfte für die Rechte der schwarzen Bevölkerung in Amerika. Um Gerechtigkeit, nicht nur um Empathie und Mitmenschlichkeit. Ein Bibelwort hat seine Sehnsucht geleitet: „Es ströme das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach!“, heißt es im Buch Amos Kap.5,24. Langsam kann ich sie verstehen, diese Sehnsucht nach Recht und Gerechtigkeit, heute, 2020 – mitten in Europa.