VON CORNELIA SENG

Wer war eigentlich Carl Anwandter? Die Tafel vor dem Heimatmuseum in Calau, einer kleinen Stadt im südlichen Brandenburg, erklärt es mir: Carl Anwandter, geb. 1801, hat 1829 die Apotheke der Stadt übernommen. Bald hatte er viele Ehrenämter inne, ab 1836 war er Stadtkämmerer in Calau. Als im März 1848 die Revolution ausbrach, unterstütze er sie leidenschaftlich. Als Mitglied der Preußischen Nationalversammlung setzte er sich für ein geeintes, demokratisches Deutschland ein. Carl Anwandters Hoffnungen wurden aber bald enttäuscht. Mit der „Reaktion“ wurde das Rad wieder zurückgedreht. Keine Freiheitsrechte für deutsche Bürger! Carl Anwandter entschloss sich zur Auswanderung, obwohl er wenige Monate zuvor noch zum Bürgermeister von Calau ernannt worden war. 

Carl Anwandter wanderte aus wie mehr als eine Million Deutsche zwischen 1850 und 1851, erfahre ich von der Tafel vor dem Heimatmuseum. Mehr als eine Million! Viele davon wegen großer Armut, „Wirtschaftsflüchtlinge“ würden manche heute sagen. „Auf der Suche nach einem besseren Leben“, steht auf der Tafel. Die meisten davon wanderten in die USA aus. Carl Anwandter bat in Chile um Aufnahme. Er verlässt seine Heimat, „weil sie ihm die Möglichkeit zur Verwirklichung seiner Ideale nicht gibt“, steht auf der Homepage der Stadt Calau. Welcher Flüchtling bekäme heute bei uns Asyl, wenn er als Fluchtgrund angibt, „die Verwirklichung seiner Ideale“ zu suchen?

Carl Anwandter jedenfalls wurde 1850 in Chile, in Valdivia, freundlich aufgenommen. Er wurde schnell zum Sprecher der deutschen Einwanderungsgruppe. Die Gruppe pflegte die deutsche Sprache und Kultur. Heute ist daraus das „Instituto Alemán Carlos Anwandter“ in Valdivia geworden. 

Im Jahre 2003 wurde dem damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau die Ehrendoktorwürde von der Universität Valdivia verliehen. In seiner Dankesrede sagte Rau: „Die chilenische Regierung unterstützte ihre neuen Mitbürger und respektierte den spezifischen Charakter der deutschen Kolonie …. Chile und die Chilenen gaben diesen Menschen aber eine Chance, durch ihre Arbeit und ihre Leistung zu überzeugen und sich als vollwertige und respektierte Bürger in diese Gesellschaft zu integrieren …. Ich frage mich, ob wir in Deutschland etwas aus dieser Geschichte lernen könnten.“

Als Prinzipien für gelingende Integration nannte Rau damals:

  • Niemand soll gezwungen werden, seine Kultur aufzugeben, sich schlicht zu assimilieren.
  • Es darf keine kulturellen Ghettos geben.
  • Ausländerfeindlichkeit und aggressive Intoleranz gegenüber Zuwanderern dürfen nicht geduldet werden. Dem Rassismus darf kein Fußbreit Boden überlassen werden!
  • Die Einwanderer müssen bereit sein, die Kultur des Aufnahmelandes zu respektieren. Sie müssen sich an die Gesetze halten und an die grundlegenden Wertentscheidungen der Verfassung.

Mir scheint, wir sind immer noch Lernende. Heute wie zur Zeit von Carl Anwandter.